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Wer jungen Menschen vorangehen will, muss den geraden Weg gehen.
Jean Cocteau

Mein Lehrer und Wegbegleiter

Februar 2007

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Überreichung eines in Leder gebundenen Buchs

Die Aula am Bundes-Blindenerziehungsinstitut ist zum Bersten voll, als am 14. März 1997 Herr Oberstudienrat Helmut Kölpl, bis Ende 1996 Direktor der obgenannten Einrichtung, feierlich verabschiedet wird. Den würdigen Rahmen bildet ein zweieinhalbstündiges Programm, in dem ErzieherInnen, LehrerInnen und SchülerInnen aller Altersgruppen durch die unterschiedlichsten Darbietungen dem Jubilar ihren Dank für sein mehr als 44-jähriges Wirken an unserer Bildungseinrichtung zum Ausdruck bringen. Auch ehemalige SchülerInnen - ein Musiker und Gratulant ist sogar aus Salzburg angereist - lassen es sich nicht nehmen, etwas zu dieser Feierstunde beizutragen.

In der Laudatio werden, wie bei solchen Anlässen üblich, berufliche Laufbahn und Verdienste in Zahlen und Fakten wiedergegeben - eine Form, die dem bescheidenen, schweigsamen und zurückhaltenden Mann durchaus angemessen erscheint, ihm aber in keiner Weise gerecht werden kann. Denn das ist nur der sichtbare Teil seines Wirkens.

Und während der Redner eintaucht in die Stationen eines langen Berufslebens im Dienste der Ausbildung junger blinder Menschen, kann ich nicht verhindern, dass meine Gedanken ihre eigenen Wege gehen und zurückkehren zu meinem ersten Schultag und damit zur ersten Begegnung mit meinem Lehrer.

Ein aufgewecktes Kind

Braillette

Ich war, als ich zu Herrn Lehrer Kölpl in die erste Klasse kam, ein sehr lebhaftes Kind mit einem ausgeprägten Bewegungsdrang und das Stillsitzen auf den harten Stühlen fiel mir schwer. Also ließ er mich die Leseblätter austeilen und wieder einsammeln, und ich war in der Klasse mit Steckbrettern, Buchstaben für den Setzkasten oder dem Braillett - übrigens eine Erfindung von ihm - eifrig unterwegs.

Lehrer und Kinder auf der Wiese

Diese Aufgaben stillten nicht nur meinen Bewegungsdrang, sie gaben mir auch das Gefühl, etwas Sinnvolles und Nützliches zu tun - also gebraucht zu werden.

Für mein späteres Leben habe ich aus dieser Erinnerung die Erkenntnis mitgenommen, dass unsere weniger guten Eigenschaften und Veranlagungen durchaus nützlich sein können, wenn sie in sinnvolle Bahnen gelenkt werden.

Es ist schwer zu sagen, aber es könnte durchaus sein, dass mein Tatendrang und mein Bedürfnis, überall mit anzupacken, durch einen weniger verständnisvollen Lehrer vielleicht im Keim erstickt worden wären.

Eine ehrgeizige Schülerin

Elf Jahre später machte ich meinen Berufsabschluss. Mein Lehrer war derselbe wie bei meinem Schuleintritt, jetzt aber Professor Kölpl.

Nach bestandener Staatsprüfung war seine Aufgabe eigentlich beendet, denn er hatte sein Ziel erreicht, uns bis zum Berufsabschluss zu führen.

Er sah das offenbar anders, denn er packte mich ins Auto und fuhr mit mir nach st. Pölten zur Aufnahmeprüfung, wo ich dem Wunsch meines Vaters zufolge arbeiten sollte. Die bloße Anwesenheit meines Lehrers war dem Prüfungserfolg sicher wesentlich zuträglicher, als wenn mein Vater, nervös und zitternd, mich begleitet hätte. Professor Kölpl erweckte in mir schon durch seine bloße Anwesenheit den Ehrgeiz, ihm zeigen zu wollen, dass ich bei ihm etwas gelernt hatte.

Ich bekam den Job - aber mein Lehrer keinen Dank für seine Unterstützung, wie sich zeigen sollte.

Eine unverfrorene Achtzehnjährige

Etwa zwei Monate später fuhr ich an einem Mittwoch nach Wien und stand, mitten im Unterricht, vor meinem ehemaligen Lehrer, um ihm zu erklären, dass ich meinen Job wechseln und nach Wien kommen wolle und fragte nach, ob er eine Idee hätte, wo ich mich bewerben könnte.

Heute wird mir heiß und kalt, wenn ich an meine unglaubliche Unverschämtheit denke und mir ist völlig rätselhaft, woher ich den Mut dazu nahm.

Seine genaue Reaktion ist mir nicht mehr in Erinnerung; er dürfte irgend etwas gemurmelt haben wie: "Na, so was". Aber er gab mir die Adresse des Oberlandesgerichts mit dem Hinweis, dass man im Landesgericht für Strafsachen eine Schriftführerin brauche. Vermutlich trug es sehr zur Beruhigung meines Lehrers bei, dass ich an diesem Arbeitsplatz immerhin sieben Jahre aushielt.

Damit waren und sind unsere Berührungspunkte aber längst nicht erschöpft: Als ich nach einem bewegten Berufsleben mit Stationen bei Gericht und in einer Großbank 1993 die Leitung der Druckerei in der Blindenschule antrat, war er drei Jahre lang mein Chef, jetzt also Direktor Kölpl.

Lernen fürs Leben

Ich habe durch meinen Lehrer ein solides Wissen in so manchen Lehrfächern erhalten. Aber aus diesen Schnappschüssen meiner Bekanntschaft mit ihm, die zum Teil ein Spiegel seiner Persönlichkeit sind, habe ich als ebenso wichtige Lektionen drei Aufträge für mein Leben mitbekommen:

  1. Erkenne und akzeptiere die Charaktereigenschaften eines Menschen, lenke ihn, aber zwinge ihn nicht!
  2. Tue deine Pflicht, aber besser noch etwas mehr!
  3. Gib einem Menschen eine weitere Chance, auch wenn du nicht weißt, ob und wie er sie nutzen wird!

Diese Meilensteine in meinem Leben beleuchten einerseits deutlich die Persönlichkeit Kölpl und zeigen andererseits, dass er einer jener Menschen ist, die nachhaltig auf mein Leben Einfluss genommen haben.

In meiner ganz persönlichen Laudatio würde ich sagen: Lieber Helmut Kölpl! Ich glaube zu wissen, dass Sie allzu viel Rummel um Ihre Person nicht mögen, aber es sollte Sie ehrlich freuen, in den vielen Jahren Ihrer Lehrtätigkeit mehr als nur Wissen vermittelt zu haben, so etwa Respekt und Achtung voreinander.

Sie haben uns neben einer fundierten Ausbildung eine weitere unschätzbare Grundlage mit auf den Weg in den Beruf und ins Leben gegeben: Das Wissen um die eigenen Möglichkeiten und Grenzen, die Fähigkeit zu einer annähernd realistischen Selbsteinschätzung und damit die Basis für ein gesundes Selbstwertgefühl.

Ganz bestimmt aber haben Sie die Forderung Jean Cocteau's erfüllt: "Wer jungen Menschen vorangehen will, muss den geraden Weg gehen."

Anhaltender Applaus holt mich aus meinen Betrachtungen zurück in die Gegenwart. Da habe ich doch glatt all die Daten und Fakten der Laudatio verpasst - aber die kenne ich ja ohnehin.

Jetzt widme ich meine Aufmerksamkeit wieder ganz und gar den Darbietungen auf der Bühne.

Übergabe von Geschenken

Wie dankt man einem solchen Lehrer und Direktor für all seine Mühen? Da wird die von ihm verfasste Fibel zum Erlernen der Blindenschrift - in Leder gebunden und mit Goldprägung - überreicht. Auch das von ihm entwickelte Braillett - ein Holzraster, in den kleine Metallstifte gesteckt werden, um die Zeichen der Punktschrift tastbar zu machen - dokumentiert anschaulich sein Wirken. Und neben vielen anderen Geschenken liegen auf dem Gabentisch auch die Ehrungen diverser Selbsthilfe-Vereinigungen, für die er lange Jahre tätig war und ist.

Ein Geschenk besonderer Art ist wohl, dass Herr Direktor Kölpl der erste Träger der Johann Wilhelm Klein-Medaille und -Nadel ist - eine Ehrung, in der deutlich die Anerkennung seiner Verdienste um die Blindenbildung zum Ausdruck kommt, wird doch Johann Wilhelm Klein als der "Vater der Blindenbildung" in Österreich bezeichnet. Keine andere Ehrung wäre besser geeignet, meinen Lehrer zu charakterisieren.

Wahrscheinlich aber haben gerade die jüngsten Gratulanten unter Anleitung ihrer Lehrerin das geeignetste Geschenk gewählt, als sie ihrem Direktor 65 Tulpenzwiebeln als verspäteten Glückwunsch zu seinem am 14. Jänner gefeierten Geburtstag überreichen. Blumen sind etwas Lebendiges, etwas, das heranwächst und Freude macht, um das man sich sorgt, es hegt und pflegt wie Kinder - und Tulpen stehen auch als Symbol für den Frühling und damit für einen Neubeginn.

Auch für ihn beginnt jetzt ja ein neuer Lebensabschnitt: der wohl verdiente Ruhestand. Aber Ruhe geben wird er sicher nicht, sondern weiterhin dort zupacken, wo er gebraucht wird.

Zehn Jahre später

Helmut Köpl sitzend

Inzwischen schreiben wir das Jahr 2007. Wie erwartet, hat mein Lehrer und Wegbegleiter seine ehrenamtliche Tätigkeit nicht aufgegeben. Seit mehr als zehn Jahren arbeiten wir nun schon Seite an Seite im Redaktionsteam der Zeitschrift "Braille Report", dem er seit Gründung im Jahr 1981 angehört.

Genau wie in der Zeit meiner Berufsausbildung setzt er den Rotstift an, wo er einen Schreibfehler entdeckt. Nur wenn es um die neue Rechtschreibung geht, dann nehmen wir einen kleinen Rollentausch vor und mein ehemaliger Lehrer fragt mich nach der richtigen Schreibweise.

Aber allzu viel hat sich nicht geändert, denn damals wie heute muss ich ihm manchmal die Antwort schuldig bleiben.

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