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Technische Hilfsmittel erleichtern mir nicht nur den Alltag, sie verschaffen mir auch ein gutes Stück Freiheit und manchmal sogar einen kleinen Triumph.

Der Sieg über das Chaos

18.10.2010

Zu den (1) Kommentaren

Ich suche den Investitionsplan aus 2008 . Er befindet sich in der 1. Schublade meines Schreibtisches im Büro. Dort liegen etliche Klarsichthüllen, die an 2 Seiten offen sind. Darin befinden sich, je nach Thema, zwischen 5 und 20 A4-Blätter - jene Informationen, die ich immer wieder benötige und die ich nicht erst aus einem Ordner im Schrank holen möchte.

Da der Inhalt für mich nichts weiter als "glattes Papier" ist, tragen alle Hüllen eine entsprechende Braille-Beschriftung.

Mit der Linken fasse ich nach dem ganzen Stapel und befördere ihn mit einem Schwung neben das Keyboard auf der rechten Schreibtischseite. Leider habe ich vergessen, dass hier noch ein kleiner Bücherstapel liegt. Aber als mir das einfällt, ist das Unglück nicht mehr aufzuhalten: Mein Handgelenk knallt gegen den Stapel und die Klarsichthüllen entgleiten meinen Fingern, segeln vermutlich ziemlich elegant durch die Luft und verteilen sich mit einem schleifenden Geräusch über das halbe Büro Na prima!

Könnte ich sehen, wäre ich jetzt bloß verärgert, würde mich bücken, den Blätterwald wieder einsammeln und jedes Blatt nach einem kurzen Blick in die richtige Hülle zurückstecken. Auch ich bücke mich, sammle ein, was ich sofort finde, lege die Blätter in einem einzigen Stapel auf den Tisch und suche mit den Händen den Boden ab, um nach eventuell weiter verstreuten Schriftstücken zu fahnden. Hier sollte mal wieder gründlich gereinigt werden!

In meinen Ärger über meine Ungeschicklichkeit, dem ich mit ein paar wenig feinen Bemerkungen Luft verschaffe, mischt sich bald ein Anflug von Verzweiflung, denn ich kann ja nicht lesen, was auf den Papieren steht, ja ich weiß nicht einmal, ob die beschriebene Seite obenauf liegt.

Ich brauche Hilfe

In solchen Momenten empfinde ich meine Blindheit als echte Last, vor allem wegen der Unfähigkeit, eine solch banale Situation allein zu meistern. Ich wende mich dem Telefon zu, meine Hand will nach dem Hörer fassen, um Hilfe zu holen, verharrt aber mitten in der Bewegung. In diesem Moment erinnere ich mich daran, dass ich ein mobiles Scan-System zum Testen habe, das bereits eingepackt ist, weil ich es morgen wieder zurückgeben muss. Zweifellos: Das ist der richtige Augenblick, um einen Praxistest durchzuführen. Dann wird sich zeigen, ob es seiner Aufgabe als Hilfsmittel auch gerecht wird.

Kamera auf Stativ

Bildbeschreibung: Ein Blatt Papier liegt unter der Kamera. Links daneben steht ein Notebook, auf dessen Bildschirm 6 Zeilen des Textes in vergrößerter Schrift (weiße Schrift auf schwarzem Grund) zu sehen sind.

Blatt für Blatt lege ich unter die mobile Kamera, die auf einem Stativ montiert ist, drücke die Leertaste, und ein Klickgeräusch verrät mir, dass der Schnappschuss fertig ist und ich den Befehl zum Vorlesen geben kann.

Nach nur wenigen Worten weiß ich, um welches Dokument es sich handelt, suche die Hülle mit der entsprechenden Braille-Beschriftung und lege das Blatt ab. Beim nächsten Zettel mache ich mir zusätzlich die Mühe, die Seitenanalyse zu befragen und erfahre "Das Blatt liegt verkehrt herum". Ah, danke für den Hinweis - bitte wenden. Bei einigen Scan-Vorgängen höre ich "kein Text gefunden". Das sind sicher jene Schriftstücke, die im freien Flug ein Wendemanöver durchgeführt haben.

Ein Blatt nach dem anderen wandert unter die Kamera und wird einer kurzen Analyse unterzogen. Ich mache mir erst gar nicht mehr die Mühe, das Blatt exakt an den rechten Winkeln des Stativs auszurichten oder darauf zu achten, dass es ganz flach liegt. Schwungvoll flattern die Blätter von rechts nach links, wieder zurück und in die richtige Hülle.

Mein anfänglicher mit Verzweiflung vermischter Ärger mutiert zuerst in Staunen, dann in Zufriedenheit mit einer Prise Lust. Keine Ahnung, wie lange ich gebraucht habe, um alles zu ordnen; sicher deutlich länger als ein Mensch mit gesunden Augen. Aber ich glaube, dass kaum jemand beim Schließen der Schreibtisch-Schublade ein ähnliches Triumphgefühl verspüren kann wie ich.

Wenn schon - denn schon

Das Hilfsmittel ist teuer und ich weiß noch nicht, ob ich es mir leisten will. Es ist kaum zu erwarten, dass ich als neue sportliche Herausforderung täglich einen geordneten Stapel bedrucktes Papier durch die Luft segeln lasse, um Chaos herbeizuführen. Das wäre auch gar nicht nötig, denn auf meinem Schreibtisch herrscht ohnehin oft genug Chaos - genau wie jetzt.

Wenn ich schon einmal dabei bin, dann kann ich doch auch gleich die vielen herumliegenden Papiere durchsehen - eine Arbeit, bei der mir meist eine Kollegin behilflich ist um all das, was sich im Laufe der Zeit von selbst erledigt hat, zweimal jährlich der "Rundablage" zuzuführen.

Pah, das kann ich auch selbst! Eifrig mache ich mich an die Arbeit und nach einer Stunde trage ich einen ansehnlichen Packen zum Altpapiercontainer. Der verbliebene Stapel ist ganz dünn und enthält nur noch wenige Papiere, deren Inhalt meine (?) Kamera nicht in lesbaren Text umwandeln konnte: Bebilderte Prospekte, einzelne Karten und zwei oder drei offenbar unbeschriebene Blätter, die ich doch lieber nochmals von gesunden Augen kontrollieren lassen möchte.

Zufrieden lehne ich mich zurück, einmal mehr erfreut über die Segnungen moderner Technik. Wie schade, dass ich diesen hilfreichen Geist nicht behalten darf.

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1 Kommentar

  1. Gerald Pachlatko schrieb am Mittwoch, 20.10.10 15:35 Uhr:

    Vielleicht solltest Du das Ding auf dem A-Tag 2010 vorstellen. Auch wenn es das Gerät schon seit 2008 gibt, wirklich erfahren hat es sicher noch nicht jeder. Es könnte für Organisationen interessant sein, zumindest einen (gemeinschaftlich genutzten) Scanner im Haus zu haben - da könnten sich die 2000 Dollar rasch amortisieren.

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