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Was unser Gehör-, Tast-, Geruch- und Geschmacksinn zu leisten imstande sind, zeigt sich erst, wenn das Auge versagt.

Mein "Werkzeugkasten" der Sinne

Juli 2008

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Ob unsere nahen Angehörigen und Freunde, die eigenen vier Wände oder der Arbeitsplatz, ob Straßen, Häuser, Pflanzen oder Tiere, Himmel oder Wasser, bekannte oder unbekannte Umgebung - die wichtigsten Informationen erhalten wir über unsere Augen. Angeblich nehmem wir unsere Umwelt zu 80 % über diesen prominentesten unserer Sinne wahr.

"Blind sein, wäre für mich das Schlimmste", habe ich schon oft zu hören bekommen, und angesichts unserer extrem auf Sehen ausgerichteten Umwelt ist die Angst vor dem Verlust des Sehvermögens gut nachvollziehbar.

Und dennoch: Wahrnehmung funktioniert auch ohne zu sehen, denn wir haben nicht nur einen, sondern fünf Sinne zur Verfügung. Und wenn einer davon ausfällt, müssen wir lernen, dieses Manko so gut es eben geht durch die anderen Sinne teilweise auszugleichen.

Blinde Menschen können nicht besser hören, tasten und riechen als andere, wir haben nur gelernt, unsere restlichen Sinne stetig zu trainieren - wie ein Sportler, der ein bestimmtes Ziel vor Augen hat. Wir üben uns täglich darin, die verbleibenden Sinne gezielter einzusetzen, offen zu sein für die unterschiedlichsten Eindrücke und diese zu einem neuen Muster der Wahrnehmung zusammen zu fügen.

In unserem Sprachgebrauch, vor allem in Redewendungen und Sprichwörtern, steht "blind" häufig als Synonym für fehlende Wahrnehmung. Das stellt man sich vielleicht so vor, wenn man die Augen schließt und plötzlich das Gefühl hat, nichts mehr wahrnehmen zu können. Letztlich ist man jedoch lediglich durch die Neuartigkeit der Wahrnehmung irritiert.

Blind sein heißt: die anderen Sinne zu schärfen, aufmerksam, konzentriert und aufnahmefähig für Umwelteindrücke zu sein, und dem entsprechend reichhaltig kann auch die Wahrnehmungswelt sein.

So wie Dunkelheit nicht zwangsläufig für Unsicherheit und Angst stehen muss, sondern auch Geborgenheit und Wärme bedeuten kann, genauso kann die Welt auch "blind" wahrgenommen werden und sehr intensiv, oft auch im wörtlichen Sinn hautnah "begriffen" werden.

Nicht zu sehen ist zweifellos ein Verlust an Komfort und Lebensqualität, aber es bedeutet nicht, auf alles verzichten zu müssen, was das Leben lebenswert macht. Es ist eben ein "anderes Sehen", eine eigene Wahrnehmungswelt - einmal heiter und voll Lebensfreude, manchmal auch düster und entmutigend, wie für andere Menschen auch.

Erforschen Sie mit mir das Potenzial der restlichen Sinne und ich zeige Ihnen die Welt, wie ich sie sehe, wahrnehme und begreife.

Fünf weniger eins

Wenn Sie die Augen schließen, haben Sie vermutlich Angst einen Fuß vor den anderen zu setzen. Bodenunebenheiten, einzelne Stufen oder gar Treppen, kantige Gegenstände, irgendetwas Weiches, das unerwartet Ihr Gesicht streift ... Und plötzlich wissen Sie nicht mehr, in welche Richtung Sie gehen.

Das Unbekannte und Unerwartete hat nur in den seltensten Momenten unseres Lebens etwas angenehm Prickelndes. Dann etwa, wenn wir uns geborgen fühlen dürfen, wenn wir wissen, dass jemand da ist, der für unsere Sicherheit sorgt, oder wir uns an einem sicheren Ort befinden.

Wenn man nicht sehen kann, benötigt man eine gute Prise Vertrauen - Vertrauen in die restlichen vier Sinne, in die eigene Lernfähigkeit, aber auch in die Mitmenschen, die uns auch dann noch sehen und auf uns reagieren, wenn die eigenen Möglichkeiten der Wahrnehmung nicht mehr ausreichen.

Betrachten wir also gemeinsam den "Werkzeugkasten" unserer Sinne und vertrauen wir auf deren Entwicklungsfähigkeit und Effizienz.

Das Gehör

Nach dem Auge liefert uns das Gehör die meisten verwertbaren Orientierungshilfen. Der Schall der Schritte, der Widerhall einer Hupe, das Klappern eines Einkaufswagens, das Geräusch einer Fahrradklingel oder eines Skateboards und nicht zuletzt die Stimmen von Passanten sind wichtige Eindrücke, die sich für Ortsbestimmung und Orientierung verwenden lassen.

Aber unser Gehör kann noch viel mehr, als Geräusche wahrnehmen und an unser Gehirn weiterleiten: Es ist bei einiger Übung sogar imstande, aufgrund von Schallreflexionen ungefähre Rückschlüsse auf Größe und Entfernung von Gegenständen zu liefern. Das funktioniert ähnlich wie bei einer Fledermaus, die bei völliger Dunkelheit zielsicher ihre Beute jagt oder Hindernissen ausweicht. Wir Menschen haben zwar keine Möglichkeit, Ultraschallsignale auszusenden, aber jedes Geräusch, und sei es noch so leise, wird von Mauern, Autos, Mülltonnen, ja sogar von einem Telegrafenmast reflektiert und liefert Informationen über die nähere Umgebung.

Auch Sie könnten das, wenn Sie es trainiert hätten. Ich habe diese Technik während meines Orientierungs- und Mobilitätstrainings geschult. Anders als Menschen, die von Geburt an blind sind und ihr Gehör von klein auf trainieren können, habe ich es in dieser Technik nicht zur Meisterschaft gebracht. Manche Feinheiten und Nuancen bleiben mir verborgen, denn ich habe mein Training erst Mitte 20 absolviert, als mein restliches Sehvermögen rapide abnahm und schließlich ganz verschwand.

Der Tastsinn

Ähnlich wertvolle Informationen über unser unmittelbares Umfeld liefert der Tastsinn. Dazu gehört nicht nur, was ich mit den Händen greifen kann, sondern auch, was meine verlängerte Hand, der Langstock, wahrnimmt. Auch durch die Schuhsohlen hindurch kann ich Informationen über Bodenunebenheiten und Materialien aufnehmen.

Nicht vergessen sollten wir unsere Haut, die den kleinsten Luftzug und geringste Temperaturunterschiede wahrnimmt.

Anders als das Gehör, das die Wahrnehmung akustischer Informationenen auch auf größere Distanz ermöglicht, ist der Tastsinn auf das unmittelbare Umfeld beschränkt - ein "Nahsinn" also mit geringerer Reichweite als das Gehör, dafür aber ein Lieferant präziserer und besser kontrollierbarer Informationen. Dass man auf einen größeren Gegenstand zugeht, kann man von weitem hören, worum es sich handelt und wie dieser Gegenstand beschaffen ist, lässt sich aber erst aus unmittelbarer Reichweite feststellen.

Der Geruchsinn

Immer der Nase nach, heißt es, aber für die meisten Menschen haben Gerüche nur dann Bedeutung, wenn sie besonders angenehm oder besonders unangenehm sind. Der Geruchsinn verrät mir aber den Duft frischen Brotes ebenso wie die Existenz eines Friseurladens oder die Anwesenheit eines Freundes, der ein unverwechselbares Rasierwasser benutzt.

Für viele haben Gerüche im Alltag an Bedeutung verloren, aber so manches Sprichwort ("Ich kann den Menschen nicht riechen ...") weist darauf hin, dass auch Gerüche wichtige Informationen transportieren. Unter anderem sind es gerade die Gerüche von Blüten oder Gewürzen, die mich in fremden Ländern besonders beeindrucken und so etwas wie Flair transportieren, und ich bedaure nichts so sehr wie die Unmöglichkeit, meine ganz persönlichen Geruchseindrücke zu konservieren und als Souvenir mit nach Hause zu nehmen - wie Urlaubsfotos, Videos oder Audio-CDs.

Der Geschmacksinn

Während Gehör-, Tast- und Geruchsinn nicht zu unterschätzende Lieferanten von Umwelteindrücken sind und somit meine Wahrnehmung entscheidend verbessern, ist dem Geschmacksinn fast ausschließlich die Rolle des "Spaßlieferanten" vorbehalten. Er ist der persönlichste Sinn und über Geschmack lässt sich weder im wörtlichen noch im übertragenen Sinne streiten. Er scheint in meinem Bouquet an Sinneseindrücken jene Würze zu sein, die nicht vorrangig nützlich, sondern vor allem erfreulich ist. Höchste Zeit also, auch über Sinnesfreuden zu reden.

Was eine "Augenweide" oder ein "Eye Catcher" vermögen, das bieten selbstverständlich auch die restlichen vier Sinne - jeder auf seine Art. Und da ich gezwungen bin, auf die Freuden für das Auge zu verzichten, genieße ich eben, was mir Gehör, Tast-, Geruch- und Geschmacksinn eröffnen. Solche Erfahrungen im Detail zu beschreiben, wäre genauso unzureichend wie der Versuch, die Schönheit eines Sonnenuntergangs in Worten wiedergeben zu wollen. (Mit)geteilte Freude ist zwar doppelte Freude, aber Freuden aus zweiter Hand verlieren stark an Intensität und auch den Geschmack der Einzigartigkeit, die jeder Mensch ganz individuell erlebt und die man nur unzureichend sowohl mitteilen als auch teilen kann.

Wahrnehmung ist mehr als nur sehen

Neben all den Sinneseindrücken und einer ausreichenden Verkehrsschulung (Orientierungs- und Mobilitätstraining) sind es aber auch die im Laufe des Lebens gemachten Erfahrungen mit Umweltmustern, die sich vor allem auf bekannten Wegen, oft aber auch in unbekanntem Gebiet, als hilfreich erweisen.

Diese Erfahrungen sind aber gleichzeitig von unschätzbarem Wert für erfolgreiche und nicht visuelle Kommunikation. Mit seinem Gegenüber Blickkontakt aufzunehmen, offenbart eindeutig mehr, als man in ein paar Sätzen wiedergeben könnte. Aber ein Mensch hat auch eine Stimme, deren Modulation er oft nicht so gut zu beherrschen gelernt hat wie die Mimik; und auch ein Händedruck kann viel über einen Menschen erzählen. Die Aura eines Menschen offenbart sich nicht nur über das äußere Erscheinungsbild, das die meisten zu stylen gelernt haben.

Die Möglichkeiten der Wahrnehmung sind also keineswegs auf die Augen beschränkt, sondern so vielfältig wie unsere Umwelt und die Lebewesen darin. Wir müssen sie nur erkennen und nutzen lernen. Dann ist die Welt nicht dunkel und unbekannt, sondern bunt und lebendig, auch wenn sie nicht zu sehen ist.

Jedenfalls wäre es schade, über all den fehlenden visuellen Eindrücken zu vergessen, wie viel Nutzen, aber auch Freuden die restlichen Sinne bereit halten.

Menschen sind nicht deshalb unglücklich, weil sie auf etwas verzichten müssen, sondern eher, weil sie nicht mit dem zufrieden sein können, was sie haben.

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3 Kommentare

  1. Lisa schrieb am Mittwoch, 13.08.14 21:56 Uhr:

    Sehr schön beschrieben und auch sehr inspirierend!

  2. Fretco schrieb am Dienstag, 06.10.15 19:56 Uhr:

    Hi erstmal,
    netter blog, finde ich echt interessant das thema, was mich jetzt aber noch interessiert wäre wie man das gehör so trainieren kann, dass du die schallreflektionen hören und zur orientierung nutzen kannst.

    LG Fretco

  3. Eva schrieb am Mittwoch, 07.10.15 11:33 Uhr:

    Auch wenn dies jetzt vielleicht nicht unmittelbar nachvollziehbar ist, behaupte ich: Jeder Mensch mit gesundem Gehör ist in der Lage, Schallreflektionen auszuwerten. Auf die Frage, wie man so etwas trainiert, habe ich leider nur eine sehr unzureichende Antwort: Bei mir war es die Notwendigkeit den fehlenden Sehsinn zu kompensieren, zusammen mit dem Bedürfnis, Sicherheitsrisiken zu minimieren.

    Mit einer Vertrauensperson könnte man auch den Versuch unternehmen, mit geschlossenen Augen und in sicherer Umgebung am Arm dieser Person langsam auf eine Hausmauer zuzugehen.

    Aber bitte nicht alleine - zumindest nicht VOR der bestätigten Erkenntnis, dass es auch ohne Kollision funktioniert! :)

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