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Auch blinde Menschen haben mit dem Smartphone ihr "Büro" immer in der Tasche.

Smart und bedienbar

31.05.2017

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Wie jedes Jahr haben Hannes und ich auch heuer wieder die SightCity besucht und uns drei Tage lang Informationen über Hilfen für blinde und sehbehinderte Menschen aus erster Hand geholt. 128 Aussteller haben über ihre Angebote und Entwicklungen informiert. Parallel dazu fanden im Forum viele interessante Vorträge statt.

Das Angebot reicht von kleinen Alltagshelfern wie sprechende Uhren oder Maßbändern mit fühlbaren Markierungen über Mobilitätshilfen wie Langstöcke oder Hindernismelder bis hin zur professionellen Arbeitsplatzausstattung mit PC, Screen Reader mit Sprachausgabe und Braille-Zeile, Vergrößerungssoftware, Scanner mit Texterkennung und vieles mehr.

Einen Kurzbericht kreuz und quer über die Themenvielfalt finden Sie beim Bayerischen Blinden- und Sehbehindertenbund.

Wer sich mehr für die Arbeitsplatzausstattungen interessiert, findet bei INCOBS eine ganze Podcast-Serie.

Ich vermeide die Arbeit am PC, wenn es geht und finde die Nutzung von Smartphones wesentlich ergonomischer. Zudem sind diese smarten Dinger beinahe ein vollständiges Büro im Taschenformat, weshalb ich beim diesjährigen Messebesuch auch einen Schwerpunkt auf den Smartphone-Bereich gelegt habe. Die Gelegenheit, einen Großteil der Produkte unter einem Dach in die Hand nehmen und wenigstens oberflächlich testen zu können, wollte ich unbedingt nutzen.

Vor allem auf dem Android-Markt gab es einige Entwicklungen, von denen ich noch nie gehört hatte. Vielleicht geht es auch anderen so.

Apples als Wegbereiter

Apple hat als erster Produzent bereits 2009 in das Betriebssystem IOS den Screen Reader VoiceOver als fixen Bestandteil integriert. Das iPhone ist daher bei blinden Anwendern sehr verbreitet, bei sehbehinderten etwas weniger, was vermutlich darauf zurückzuführen ist, dass vor allem ältere iPhone-Modelle für Nutzer mit starker Seheinschränkung ein zu kleines Display hatten.

Auch wenn die Braille-Unterstützung bei Apple noch viel Luft nach oben hat, ist die zusätzliche Nutzung einer Braille-Zeile für blinde Anwender, ergänzend zur Sprachausgabe, in zweierlei Hinsicht hilfreich: Zum einen erspart man sich das mühsame Buchstabieren unbekannter Namen durch die Sprachausgabe, zum anderen verfügen viele Braille-Zeilen über eine Braille-Tastatur, mit der Gesten und Text eingegeben werden können. So lässt sich Text deutlich rascher als mit der virtuellen Tastatur und zuverlässiger als mit Spracheingabe schreiben.

Es war daher nicht weiter verwunderlich, dass an vielen Messeständen das iPhone in Kombination mit den verschiedensten Braille-Zeilen präsentiert wurde. Alle mir bekannten Braille-Zeilen mit Bluetooht-Funktionalität können mit iPhone, iPad und Co gekoppelt werden.

Die bunte Android-Welt

Einige Jahre später hat auch Google für das Betriebssystem Android den Screen Reader Talkback entwickelt, sodass auch diese Schiene nun blinden Anwendern zugänglich ist. Installiert man einen zusätzlichen Treiber (BRLTTY) oder die App BrailleBack, so ist auch die Nutzung von Braille-Zeilen möglich.

Die Vielfalt der Geräteanbieter auf dem Android-Markt macht es jedoch erforderlich, im Einzelfall zu prüfen, ob die verwendete Type mit Talkback und/oder BrailleBack genutzt werden kann. Etliche Anbieter stülpen über die Android-Oberfläche ihre eigenen Menüs (Launcher) und verhindern so mitunter die Bedienbarkeit mit Talkback, dem Screen Reader für Android.

Darum verwundert es nicht, dass es etliche Entwicklungen speziell für blinde Nutzer auf der Basis von Android auf dem Markt gibt. Ein zweiter Grund dafür liegt wahrscheinlich auch darin, dass unter Android solche Entwicklungen möglich sind, unter Apples iOS jedoch nicht.

Einige dieser Entwicklungen habe ich mir näher angesehen — so gut das während eines Messebetriebs und dem dort herrschenden Geräuschpegel eben möglich ist. Die folgenden Notizen sind nur ein grober Überblick mit Links zu mehr Informationen.

BlindShell

BlindShell ist ein speziell für blinde Anwender entwickeltes Smartphone und ist daher nicht im Handel, sondern nur beim Hersteller und dessen Vertriebspartner erhältlich. Im Fokus steht dabei eine starke Reduktion und Vereinfachung der Gesten. Die Bedienung kann sehr rasch erlernt werden. Ein Tipp auf die rechte Seite des Geräts bewegt den Fokus ein Element vorwärts, ein Tipp links ein Element rückwärts. Um ein Element zu aktivieren, wird ein zweiter Finger aufs Display gelegt.

Zielgruppe sind Benutzer, die vorwiegend Basisanwendungen benötigen. Eine Nutzung der gesamten Android-Umgebung ist damit ebenso nicht möglich wie die Installation von Apps aus dem Play Store.

Die virtuelle Tastatur hat das Layout der bekannten Nokia-Handys, also eine Nummern-Tastatur, was für Umsteiger von einem herkömmlichen Handy mit Nummerntastatur sicher den einstieg erleichtert.

Hersteller: von BlindShell: Matapo

Bericht bei INCOBS über BlindShell

Smart Vision

Bei Smart Vision handelt es sich ebenfalls um ein speziell entwickeltes Smartphone. Unterhalb des Displays befindet sich eine normale Nummerntastatur mit sehr gut fühlbaren Tasten und deutlichem Druckpunkt, die ehr an Nokia-Handys erinnert. Das Smartphone wird größtenteils mit Hilfe dieser Tastatur bedient. Für einige Aktionen ist jedoch die Nutzung der Soft-Tasten nötig. Eine Orientierung auf dem Display durch Berühren ist ebenfalls möglich, jedoch gibt es keine Wischgesten, um sich gezielt von Element zu Element bewegen zu können.

Es gibt speziell für blinde Nutzer entwickelte Anwendungen. Die Nutzung anderer Apps aus dem Play Store ist wohl möglich, oft aber eingeschränkt.

Eine Vergrößerungsfunktion wird ebenfalls angeboten.

Hersteller von Smart Vision: KapSys (Englisch)

Bericht bei INCOBS über Smart Vision

COrvus Kit

Die slowakische Firma hat einen eigenen Launcher entwickelt, der auf einem Android-Gerät eigener Wahl installiert werden kann. Beim Verlassen der Anwendung kann normal mit Talkback gearbeitet werden.

Die integrierte virtuelle Tastatur basiert auf der herkömmlichen Nummerntastatur. Das System arbeitet mit eigenen Gesten, die leicht zu erlernen sind, aber den Nachteil haben, dass sie von der Bedienung unter Talkback abweichen. Allerdings ist dadurch gewährleistet, dass die unter Talkback üblichen Gesten in anderen Anwendungen problemlos genutzt werden können.

Auf der Webseite des Herstellers kann dieser Launcher heruntergeladen und unter Android installiert werden. Die Software läuft 30 Tage als Demo. Auch eine englische Dokumentation (erste Schritte und komplettes Handbuch in englischer Sprache) stehen auf der Download-Seite zur Verfügung.

Hersteller von COrvus Kit: Stopka (Englisch)

Synapptic

Bei Synapptic handelt es sich ebenfalls um einen Launcher der gleichnamigen Firma aus Großbritannien. Dieser wird auf einem Android-Smartphone oder Tablet eigener Wahl installiert und beinhaltet die wichtigsten Menüpunkte. Darüber hinaus kann dieses Menü verlassen und das Smartphone wie üblich mit Talkback benutzt werden.

Der Launcher bietet auch sehbehinderten Anwendern Anpassungsmöglichkeiten wie Vergrößerung und Einstellung des Kontrastes.

Hersteller von Synapptic: Synapptic (Englisch)

Zwei weitere Entwicklungen

Obwohl ich die beiden folgenden Produkte auf der Messe nicht gesehen habe, möchte ich sie der Vollständigkeit halber erwähnen und auf die Berichte bei INCOBS verweisen.

Claria Vox deckt mittels einer Gummihülle (Lochmasken-Tastatur) nicht benötigte Bereiche ab, sodass erfühlt werden kann, wo sich die Tasten befinden.

Bericht bei INCOBS über Claria Vox

Ray Vision ist eine weitere alternative Oberfläche für Android ohne spezielle Hardware, sodass das Smartphone vom Benutzer gewählt werden kann. Die Anwendung bietet eine eigene virtuelle Tastatur an, die sich an den herkömmlichen Nummerntastaturen orientiert.

Bericht bei INCOBS über Ray Vision

## Braille-Unterstützung unter nativem Android

Für die Nutzung einer Braille-Zeile muss unter Android entweder BrailleBack oder der BRLTTY-Treiber installiert werden, um die Zeile gemeinsam mit dem Screen Reader Talkback nutzen zu können. Ob die Braille-Unterstützung auch bei Nutzung einer der oben erwähnten Varianten funktioniert, muss im Einzelfall geklärt und ausprobiert werden. Bei COrvus Kit wurde mir dies seitens der Firma zeitnah bestätigt. Auch Smart Vision unterstützt Braille-Nutzung, wie mir eine Anwenderin versichert hat.

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